Nougat

Nougat

Dunkler Nougat – eine Süßware, die im Wesentlichen aus Haselnüssen oder Mandeln sowie Kakao und Zucker besteht, eine braune Färbung und eine Konsistenz vergleichbar derer gut gekühlter Butter besitzt – ist aus der heutigen Nahrungsmittelherstellung nicht mehr wegzudenken. Nougatmasse oder Nougat wird beispielsweise pur verzehrt, zur Herstellung von Blätterkrokant verwendet, zu Brotaufstrichen verarbeitet, dient als Füllung von Backwaren, ist Bestandteil leckerer Tafelschokoladen und natürlich eine sehr beliebte Zutat in der Pralinenproduktion. Kaum einer weiß, dass Nougat aus einer Not italienischer Chocolatiers entstand. Für diese war es Ende des Jahres 1806 nahezu unmöglich geworden, auf legalem Wege an Kakaobohnen – die Grundlage einer jeden Schokoladenherstellung – zu gelangen. Grund hierfür war das Ringen Frankreichs und Englands um die Weltherrschaft.

Napoleon Bonaparte war es durch den Staatsstreich des 18. Brumaire VIII gelungen, in der französischen Republik als einer von drei Konsulen die Macht zu übernehmen. Als militärisches Talent ersten Ranges gewann er im Jahre 1800 durch den Sieg in Marengo das zuvor verlorengegangene Italien zurück. Turin – die Hauptstadt der italienischen Region Piemont – war bereits zu jener Zeit für ihre ansässigen Chocolatiers bekannt.

Napoleon war stets der Meinung, dass ein Reich, welches unter den bestehenden Weltverhältnissen das Prinzip des freien Handels befolge, zu Staub zerrieben werden müsse. Als protektionistische Maßnahmen zum Schutz der französischen Wirtschaft kam deshalb am 28. April 1803 ein neues Zollgesetz zustande, das den bisherigen Tarif von 1791 ersetzte. Als Anfang Mai 1803 zwischen Frankreich und England abermals Krieg ausbrach, nutzte Napoleon die Zollpolitik auch als Kampf- und Kriegsmittel. Er untersagte die Einfuhr von Waren aus England und englischer Kolonien. Das Recht dazu gab ihm ein Gesetz vom 19. Mai 1802. Durch bloße Dekrete konnte er Zölle erheben, erhöhen, vermindern und abschaffen sowie Ein- und Ausfuhrverbote erlassen und beseitigen.

Am 2. Dezember 1804 wurde Napoleon in der Kathedrale Notre-Dame de Paris zum Kaiser der Franzosen gekrönt. Entstanden war die Monarchie durch die am 18. Mai 1804 vom Senat fertiggestellte Verfassung des Ersten Französischen Kaiserreiches, die im darauffolgenden November durch eine Volksabstimmung bestätigt wurde. Danach wandelte Napoleon auch die Republik Italien in ein Königreich um und ließ sich am 26. Mai 1805 im Mailänder Dom zum König von Italien krönen.

Am 22. Februar 1806 erließ Napoleon ein Dekret über das gänzliche Verbot der Einfuhr von Baumwollgeweben und am 4. März 1806 ein Dekret über Schutzzölle für Kolonialwaren. Das Gesetz über das Zollwesen vom 30. April 1806 fasste diese beiden Dekrete zusammen. Kolonialwaren waren fortan mit extrem hohen Zöllen belegt, zum Beispiel für Kakao 200 FRF, Kaffee und Pfeffer 150 FRF sowie Rohzucker 55 FRF je Zentner. Hinsichtlich seiner Kaufkraft entsprach ein FRF zu dieser Zeit etwa zwei EUR im Jahr 2010. Die Schutzzölle wurden eingeführt um englische Kolonialwaren, die trotz eines Einfuhrverbotes über andere Länder nach Frankreich importiert wurden, zu treffen.

Mit einem Dekret vom 21. November 1806 verhängte Napoleon schließlich eine vollkommene Handelssperre gegen England. Jeglicher Handel mit England und mit englischen Waren war nun verboten. Jede in England oder in englischen Kolonien hergestellte Ware wurde beschlagnahmt. Briefe und Pakete von und nach England wurden ebenfalls konfisziert. Kein Schiff, das sich vorher in einem Hafen Englands oder dem einer englischen Kolonie befunden hatte, durfte einen französischen Hafen anlaufen. Dekrete vom 23. November 1807 und 17. Dezember 1807 weiteten diese Bestimmungen auf alle Länder aus, die mit dem französischen Kaiserreich verbündet oder diesem unterworfen waren.

Am 11. November 1807 legte England als Gegenmaßnahme fest, dass sämtliche Schiffe neutraler Länder, die einen Hafen des französischen Kaiserreiches oder mit ihm vebündeter oder ihm unterworfener Länder anfahren wollten, zunächst einen englischen Hafen ansteuern und 25% des Warenwertes als Zoll entrichten mussten.

All diese Maßnahmen führten dazu, dass Kolonialwaren – darunter auch Kakao – nicht mehr oder nur zu extrem hohen Preisen erhältlich waren. Für Kakao mussten Alternativen gefunden werden. Piemonteser Haselnüsse, die für ihre hohe Qualität bekannt waren und die für damalige Verhältnisse in reichlicher Menge zur Verfügung standen, boten sich an. Und so begannen die Turiner Chocolatiers, ihre Schokolade mit fein gemahlenen Haselnusskernen zu strecken, nicht ahnend, dass dadurch eine Spezialität geboren wurde, die sich bis zum heutigen Tage großer Beliebtheit erfreut. Hätten sich Frankreich und England seinerzeit nicht bekriegt, würde die heutige Pralinenwelt vermutlich kleiner sein. Auch ist es fraglich, ob Mandelnougat als Derivat von Haselnussnougat entstanden wäre.

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